Zukunftsmarkt Gesundheitstourismus

Fleischhacker, V. (Jänner 2020): 

Der Gesundheitstourismus in Österreich 2009 - 2019

Stellenwert, Strukturen, Tendenzen, ökonomische Effekte

 

Marktsituation und -perspektiven

Der Gesundheits-/Wellnesstourismus ist ein signifikantes und schnell wachsendes Tourismus Segment des globalen bzw. europäischen Tourismus. Dieser Sektor erreichte nach dem "Global Wellness Economy Monitor" (Oktober 2018) des Global WellnessInstitute GWI im Zeitabschnitt 2015 - 2017 eine doppelt so starke Wachstumsrate als der globale Tourismus. 2017 wurden 830 Mio. Wellness Reisen (Trips) im Inland bzw. ins Ausland unternommen, um 139 Mio. oder um +20 % mehr als 2015.

Österreich zählt laut ´Health and Wellness Market Report Germany`(2014) nach Deutschland und Frankreich zu den "Großen Drei" des internatiolen Wellness Tourismus.

Die Wachstum Perspektiven von 2017 bis 2022 werden vom GWI für den globalen Wellness Tourismus auf +7,5 %, für Thermal/Mineral Springs und SPA Facilities auf 6,5 % bzw. 6,4 % geschätzt. Diese Dynamik bzw. dieser Trend zur Gesundheit basiert auf den Wertewandel unserer Gesellschaft, den Änderungen in der Alterszusammensetzung (steigende Lebenserwartung bzw. älter werdende Bevölkerung), dem medizin-technischen Fortschritt (neue Behandlungsmethoden) und dem steigenden Gesundheitsbewußtsein bzw. der ausgeprägten Gesundheitsorientierung. Diese geänderten Wertehaltungen übertragen sich auch auf das Reise-/Urlaubsverhalten und die spezifischen Anforderungen, Bedüfnisse und Wünsche bzw. Präverenzmuster der gesundheitsorientierten Gästesegmente. Grundvoraussetzungen für den Erfolg der Betriebe/Orte/Regionen in diesem Sektor gelten weiterhin kundenorientierte Ausstattung in breiter Pallette mit hoher Qualität, gut ausgebildete Fachkräfte mit hoher Betreuungsqualität kombiniert mit medizinischer und sozialer Kompetenz sowie hervorragendes Service.

Bedürfnisse wie Erholung, Entspannung, Stressabbau, sich verwöhnen lassen, sich der Schönheit widmen, Heilung, gesunde Ernährung, Naturerlebnis, Kultur (geistige Aktivität), Lust auf Bewegung/Sport, einfach Relaxen in einer naturnahen Umgebung in frischer und reiner Luft, Spass, Freude, Abwechslung und Unterhaltung spielen auch künftig eine wesentliche Rolle.

Fakten zum Reisezweck: Gesundheitsurlaub

Im Rahmen einer repräsentativen Befragung von 766 österreichischen Urlaubsreisenden im Jahr 2009 (ITR 2009 im Aufrag des BMWFJ) wurde festgestellt, dass bereits für 7 % der 46-55 Jährigen und 11 % der 56+Jährigen ein Gesundheits-/Wellness-/Fitnessurlaub" die wichtigste Urlaubsart ist und  52 % bzw. 57 % aller Befragten an dieser Urlaubsart im Sommer bzw. Winter sehr interessiert/interessiert sind.

Im Jahr 2018 wurden laut  Statistik Austria 10,67 Mio. Urlaubsreisen von ÖsterreichernInnen (ab 15 Jahre) im Inland durchgeführt (+ 2,66 Mio. mehr als im Jahr 2008) mit dem Reisezweck:

     8,7 % Wellness/Schönheitsurlaub

     2,0 % Gesundheisurlaub,

insgesamt somit 10,7 %. Das ergibt derzeit bereits ein beachtliches jährliches Nachfragevolumen von 1,14 Mio. Gesundheits-/Wellness-Urlaubsreisen alleine aus dem Inlandmarkt (Nächtigungsanteil 56,2 %).

 

Zielgruppen

In erster Linie werden von den Anbietern folgende Zielgruppen angesprochen:

* Der gesundheits-, wellness-, fitnessbewußte Gast von mittlerer Alterschicht    bis zu der stark wachsenden Gruppe der Senioren (inklusive der Gruppe der   besonders aktiven Singles, für die Gesundheits-/Wellness-/Aktivurlaube auch    der Kontaktsuche und Kommunikation dienen).

* Seminar-/Tagungs- und Incentive-Veranstalter

* Unternehmen/Konzerne,

 die sehr aktiv sind, die Produktivität ihrer Mitarbeiter zu erhöhen.    "Gesunde"  Mitarbeiter sind nämlich motivierter. zuversichtlicher und weit     weniger abwesend als jene, die gestresst oder müde sind. Die   Gesundheits-/Wellness-Resorts bieten sich für solche Lebensstil-Programme     optimal an

Der Aufenthalt in einer Therme stellt dabei die klassische und verbreiteste Form eines Wellnessurlaubes dar.

Abgrenzung 

Für die Darstellung der Angebotsstrukturen und der Nachfragetendenzen des Kur-/Gesundheits-/Wellnesstourismus in den 92 Gemeinden Österreichs werden unterschieden:

1. Kur-/Gesundheits-/Wellnesstourismus insgesamt 

    Davon:

 2. Thermentourismus: 44 Gemeinden mit Thermalquellen/Thermen

                                     (inklusive 6 Umgebungsgemeinden)

 3. Übriger Gesundheitstourismus (48 Gemeinden):

     Davon:

 3.1 Kurorte mit Kuranstalten auf Grundlage ortsgebundener Heilvorkommen (25 Gemeinden)

 3.2 Kurorte mit Einrichtungen für Kneipp- und sonstige Kuren (23   Gemeinden)

 

Ausgangssituation 2018/19 - Nächtigungsvolumen

Mit 4,32 Mio. Gästeankünften und 18,15 Mio. Nächtigungen im Tourismusjahr 2018/19 wurde der bisherige Frequenz-Höchststand erreicht. Der Zuwachs gegenüber dem Jahr 2017/18 betrug 827.083 Logiernächtigungen oder 4,77 %. 

Die Nächtigungszunahme in den 92 Gemeinden mit ihren 110.841 Gästebetten (10,4 % von Österreich) war deutich dynamischer als in den übrigen Tourismus Gemeinden unseres Landes mit 1,97 % und erreichte einen Österreich Anteil von 11,96 %

Die Bedeutung bzw. der Anteil des Gesundheitstourimus zeigt in den Bundesländern aber erhebliche Unterschiede, er schwankt zwischen nur 2,84 % in Vorarlberg und dominierenden 46,43 %  im Burgenland. 

 

 

Tab. 1: Nächtigungsanteil des Gesundheitstourismus in den Bundesländern im Tourismusjahr 2018/19 und Veränderung der Nächtigungen gegenüber 2017/18 sowie im Zeitabschnitt 2008/09 bis 2018/19 in %


                                                   % Anteil       % Veränderung Nächtigungen

                                                                         gegen 17/18        08/09 - 18/19


 

        Burgenland                           46,43                + 0,74              + 9,00

        Kärnten                                21,27                + 3,89               + 8,95       

        Niederösterreich                  21,20                + 2,81              + 5,89

        Oberösterreicj                     25,50                 + 4,36             + 16,17

        Salzburg                              10,94                 + 1,22               + 2,47

        Steiermark                          22,34                 + 1,30             + 13,27

         Tirol                                      6,0                  + 0,69             + 16,11

        Vorarlberg                              2,84                 - 9,74             + 7,42


   Österreich                                                          + 2,30           + 20,75


 Quelle: Statistik Austria; ITR-Datenbank und Bearbeitung

 

Angebots- und Nachfragestrukturen

Die Gemeinden des Gesundheitstourismus weisen in ihrer Gesamtheit charakteristische Unterschiede gegenüber gesamtösterreichischen Indikatoren im Hinblick auf die Struktur bzw. den Qualitätsstandard des Behebergungsangebotes, der Saisonalität der Nachfrage, der Herkunft und Aufenthaltsdauer der Logiergäste, die Gästebettenauslastung, die Tourismusintensität sowie die Nächtigungs-Größenstruktur wie:

* Höherer Hotellerie-Bettenanteil (57,7 %; Ö 54,9 %)

* Deutlich überdurchschnittlicher Qualitätsbetten-Anteil (5/4/3-Sterne-  Betriebe 57,7 %; Ö 49,9 %)           

* Geringerer Anteil an mietbaren Fewos (22,6 %; Ö 28,2 %)

* Dominanz der Wintersaison (59,9 %; Ö 48,4 %)

* Dominanz der Inlandsgäste (56,2 %; Ö 26,3 %)

* Längere Aufenthaltsdauer der Logiergäste (4,2 Tage; Ö 3,3)

* Deutlich längere Gästebettenauslastung (160 Belegstage; Ö 143)

* Höhere Tourimusintensität (47 Ü/EW; Ö 17 Ü/EW) bzw.

* Sehr großes durchschnittliches Nächtigungsvolumen der Gemeinden   (197.300; Ö 97.500).

 

Nachfragetendenzen     

Seit 2008/09 konnte der Geundheitstourismus insgesamt bei den Gästenächtigungen um +2,37 % pro Jahr zulegen, wobei sich die Nachfrage in den Thermen mit 2,16 % etwas schwächer entwickelte als in den Gemeinden des übrigen Gesundheitstourismus mit 2,88 %. Die jährliche Zuwachsrate der vergangenen fünf Jahre 2014/15 bis 2018/19 hat sich aber in den Thermen-Gemeinden auf 2,29 % erhöht und liegt knapp über der 2,25 % Rate des übrigen Gesundheitstourismus.

Die Nachfrage in den übrigen 1.467 Tourismusgemeinden Österreichs zeigt lang- und kurzfristig mit einem 3,47 % - bzw. 2,98 % - Nächtigungszuwachs pro Jahr eine stärkere Dynamik, der aber in den letzten fünf Jahren gegenüber den 92 Gemeinden des Gesundheitstourismus um 0,48 %-Punkte pro Jahr deutlich geringer ausfiel.

 

 Tab. 2: Lang- und kurzfristige jährliche Zuwachsraten der Nächtigungen


                             durchschnittliche jährliche Zuwachsrate Nächtigungen %

                                                          08/09 - 18/19        14/15 - 18/19


Thermentourismus                                     2,16                   2,29      

übr. Gesundheitstourismus                       2,88                   2,25


Gesundheitstourismus ges.                      2,37                   2,26


übriges Österreich                                      3,47                   2,98                

Österreich gesamt                                      3,33                   2,89      


 Quelle: Statistik Austria; ITR-Datenbank und Bearbeitung

 

Tab. 2: Durchschnittliche jährliche Zuwachsraten 2008/09 bis 2018/19 der Nächtigungen nach Hauptherkunftsmärkten in %


                                 Gesamt        Thermen  übr. Gesundheitstourism.


 Inlandsgäste               7,51             9,02                  2,22

Deutschland               1,36             1,60                  1,75

übriges Ausland        1,00             1,75                 -0,37


 Quelle: Sratistik Austria; ITR-Datenbank und Bearbeitung

 

Auswirkungen des Klimawandels auf die Nachfrage im Gesundheitstourismus

Im Rahmen der Studie "Die Sensitivität des Sommertourismus in Österreich auf den Klimawandel.StartClim2006" (Fleischhacker,V. u. Formayer,H. 2007) wurde die Sensitivität des  Kur-/Gesundheitstourismus auf den Klimawandel als gering sensitiv eingestuft und wäre von den Auswirkungen nur in geringen Maße betroffen.

Von Interesse ist daher die Frage, wie verlief die Nachfrage im Gesundheitstourismus in den unterschiedlich warmen Sommersaisonen und in den Wintern mit unterschiedlicher Schneelage in Österreich im Zeitraum 2009 bis 2019.

Um aussagekräftige Erkenntnisse zu erhalten, wurden die durchschnittlichen Veränderungsraten sowohl der Sommernächtigungen in den wärmsten im Vergleich zu den temperaturmäßig normalen Sommern als auch der Winternächtigungen in Saisonen mit normaler und reicher Schneelage berechnet.

Damit ist nicht nur ein belastbarer Vergleich  der Nachfrageentwicklung des Thermen- und des übrigen Gesundheitstourismus möglich, sondern zeigt auch den Einfluß der sommer- und winterlichen Wettersituationen auf die Tourismusnachfrage im Gesundheitstourismus bzw. touristischen Anbieter.

 


Veränderungsraten der Sommernächtigungen 2009-2019 insgesamt im Vergleich zu den 5 wärmsten  und 6 normalen Sommern in diesem Zeitraum


                                    Durchschnittliche saisonale Veränderungsrate in %

                                            2009-2019        wärmste (1)   normale


Gesundheitstourismus ges.        0,97              - 0,55              2,24

   Thermen                                    0,61                0,82               0,74

   übriger Gesundheitstour.        1,92              - 1,65               6,59


    Veränderungsraten der Winternächtigungen 2009-2019 insgesamt im Vergleich zu den 4 schneereichen und 7 schneearmen Wintern in diesem Zeitraum


 Durchschnittliche saisonale Veränderungsrate in %

                                             2009-2019     schneereiche (2)  schneearme


 Gesundheitstourismus ges.        0,81                0,42                  1,04

   Thermen                                      0,42                0,44                  0,70

   übriger Gesundheitstour.          1,77                1,59                  2,66  


(1) 2012, 2013, 2015, 2017, 2018, 2019

(2) 2008/09, 2010/11, 2011/12, 2018/19

   

Aus diesen  Nachragedaten ist folgendes Fazit abzuleiten:

Wie bei den anderen Nachfrage-/Martktsegmenten des österreischen Tourismus wird die Nachfrage auch im Gesundheitstourismus von den saisonalen unterschiedlichen Wettersituationen beeinflußt, im Sommer weit stärker als in der frequenzmäßig dominierenden Wintersaison (Nächtigungsanteil 60 %).

Der frequenzstarke Thermentourismus (Nächtigungsanteil 68 %) zeigt sich deutlich weniger wettersensitiv als der übrige Gesundheitstourismus, der in warmen/heißen Sommern Nachfrageeinbußen verkraften muß, in temperaturmäßig normalen Sommern und in schneearmen Wintern aber markante bzw. überdurchschnittliche Nächtigungszuwächse erzielen kann.